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Ingenieurbüro, Spezialprojekte, Ideenschmiede, Tüftel- und Bastelecke von
HOLGER TUTTAS MEDIA

Autor: Holger Tuttas

Der Tüftel- und Basteltrieb liegt vermutlich in der Natur des Ingenieurs. Doof nur, wenn der weder Feinmechaniker-Ausbildung noch -Werkstatt hat. Viele gute Ideen kommen dadurch nie zur Ausführung – allein deshalb, weil man sie nicht ausführen kann.

Bis jetzt!

Denn Ende 2016 entdeckte ich den CNC-Fräse-Bausatz der Firma Stepcraft. Als Tüftler, Bastler und ehemaliger Bauzeichner mit CAD-Erfahrung, traute ich mir den planerischen Teil des CNC-Prozederes schon mal zu. Etwas mulmig wurde mir jedoch bei der Vorstellung, eine Präzisionsmaschine mitsamt dem ganzen elektronischen Gedöns selbst zusammenzubasteln. Kann das gut gehen?

Ein riesiger Vorteil der Stepcraft-Fräsen ist das gut besuchte Internet-Forum und die vielen Filmchen über Stepcraft-Fräsen auf Youtube. Gerade im Forum findet man Hilfe zu fast jedem Thema, bzw. Problem. Klar, wie in jedem Internetforum, so gibt es auch im Stepcraft-Forum frustrierte Menschen, die dort ihrem Frust Luft machen. Neben diesen bedauernswerten Menschen, die ihre Fräse angeblich nie richtig zum Laufen brachten, findet man dort aber auch eine Menge anderer, die ganz großartige Dinge mit der Fräse fabrizieren. Den Umgangston im Forum empfand ich als überwiegend angenehm und die Menschen dort machten einen hilfsbereiten und kompetenten Eindruck. Nach einem mehrtägigen Studium des Forums entschied ich, mich auf das "Unternehmen Stepcraft" einzulassen.

Der Fräsen-Bausatz kommt in einem großen, schweren Karton. Alle benötigten Teile sind sauber, ordentlich und sicher in Styropor verpackt. Stepcraft empfiehlt, bei Erhalt die Vollständigkeit des Bausatzes anhand einer Checkliste zu überprüfen. Sehr schön: bei mir waren alle Teile vorhanden.
Eine Besonderheit der Stepcraft-Fräse ist die Führung der beweglichen Teile. Vermutlich aus Kostengründen sind hier keine Luxus-Linearführungen verbaut, sondern alle beweglichen Teile (XYZ) laufen auf Messingrollen in eloxierten Alu-Führungsschienen. Die Messingrollen waren dann auch die Teile, die mir ziemlich bald Kopfschmerzen bereiteten. Zehn der 16 Rollen liefen nach dem Festschrauben nicht mehr leichtgängig, sondern "kratzten", was darauf hin deutete, dass die Distanzhülsen zu klein und auf die Kugellager beim Festschrauben zu viel Kraft ausgeübt wurde. Stepcraft bot einen Umtausch der Rollen an, tauschte aber zunächst leider nur einen kleinen Teil der Rollen. Nach erneuter Reklamation wurden dann alle von mir beanstandeten Rollen getauscht.

Bis auf das Problem mit den Rollen, verlief der Zusammenbau recht reibungslos und bei der ersten Inbetriebnahme der Fräse reagierte diese auch tatsächlich gleich auf die Signale des Steuerprogramms! Grundsätzlich hatte ich also wohl alles richtig gemacht ...

Grundsätzlich reagierte die Fräse. Ja. Allerdings krachte, knarrte und schepperte es bei den ersten Fahrten in allen drei Richtungen erst mal ziemlich beängstigend. Hier ein großes Lob an die kompetenten Stepcraft-Techniker. Mehrmals rief ich bei Stepcraft an und, statt mühsam irgendwelche Symptome der Fräse zu erklären, hab ich einfach das Telefon in die fahrende Fräse gehalten. Die seltsamen Geräusche, die die Fräse machte, konnten von den Stepcraft-Technikern interpretiert werden und die Tipps, wo in der Verschraubung der Fräse etwas verändert oder wo nachjustiert werden musste, brachten eigentlich immer deutliche Besserung.

Mit Hilfe der Stepcraft-Techniker und der wunderbaren Menschen des Stepcraft-Forums, habe ich die Fräse zwischenzeitlich so weit, dass sie halbwegs verlässlich läuft und gute bis sehr gute Ergebnisse liefert. Warum nur "halbwegs verlässlich"? Dazu mehr unter Fazit.

Stepcraft 600/2
Foto: Mein Stepcraft 600/2 Bausatz fertig montiert.

Genauigkeit

Die Genauigkeit der Stepcraft-Fräse ist im Internet-Forum ein Mega-Thema.

Stepcraft selbst macht es sich leider etwas einfach: Einerseits preisen sie (wohl fürs Marketing) eine Genauigkeit im Hundertstelbereich an, andererseits weisen sie, wenn der Kunde rumnölt, dass er das nicht hinbekommt, immer wieder gerne darauf hin, dass es sich um eine Modellbau-Fräse handelt.

Nach dem Zusammenbau meiner Fräse lag deren Genauigkeit in X/Y-Richtung bei etwa 0,2 mm.

Im Internetforum gibt es besonders ehrgeizige Experten, die mit hochpräzisen Messgeräten so lange tüfteln und ihre Maschine so lange und oft zerlegen und wieder zusammenbauen, bis sie auch noch das letzte Bisschen Ungenauigkeit eliminiert haben (s. Thread im Forum) ... Während die einen um Hundertstel Millimeter kämpfen, schildern wiederum andere, dass ihre Fräse, statt runder Kreise, irgendwelche Eier-ähnlichen Gebilde fräsen würde.

Nach Abschätzung aller im Forum veröffentlichten Erfahrungen und Meinungen zum Thema "Genauigkeit", kam ich zu dem Schluss: 0,2 mm sind für mich durchaus im Bereich des Erträglichen. Zumal die "Fehlersuche" extrem müßig wäre. Denn wo sollte ich anfangen zu suchen? Die Fräser könnten nicht exakt rund laufen. Auch könnte mein Metabo-Fräsmotor möglicherweise doch nicht so gut geeignet sein. Soll ich mir jetzt aber einen anderen Fräsmotor kaufen, um zu gucken, ob der möglicherweise exaktere Fräsergebnisse liefert? Und wenn dann der Tausch des Fräsmotors doch nichts bringt, soll ich dann doch wieder die ganze Fräse zerlegen und sämtliche Einzelteile auf eventuelle Ungenauigkeiten untersuchen?
Die Steuersoftware "WinPC-NC" bietet in der Vollversion (nicht in der der Fräse beigelegten Starter-Version!) die Möglichkeit, ein sogenanntes "Umkehrspiel" einzutragen. Da ich keine Messuhr besitze, habe ich mit einem Messschieber das Fräsergebnis eines Quadrates mit 70 mm Durchmesser gemessen, anhand der Differenz von 0,2 mm das Umkehrspiel errechnet und dieses in WinPC-NC eingetragen. Nach erneutem Fräsen und Messen des Quadrates, hatte dieses dann tatsächlich eine ziemlich exakte Größe von 70 mm, +/- 0,05 mm. Mit diesen 0,05 Millimetern Toleranz kann jemand, der 40 Jahre lang alles von Hand gesägt, gebohrt und gefeilt hat, und dessen Toleranz bisher wohl immer im (mehrere) Millimeter-Bereich lag, ganz wunderbar leben! :-) gefrästes Teil
Foto: nach der Einstellung des Umkehrspiels wurde das Teststück exakt gefräst.
 

Bisheriges Fazit

Stand: Februar 2017, nach insgesamt etwa 10 Betriebstunden

Ganz klar: allein, ohne die Hilfe der Stepcraft-Techniker und der hilfsbereiten Menschen im Stepcraftforum, wäre ich beim Zusammenbau der Fräse vermutlich verzweifelt. Meine Fräse ist eine sensible Diva! Wenn irgendwo ein Schräubchen zu viel Druck ausübt, kann sie ganz schnell den Dienst verweigern. Sie ist sogar so sensibel, dass selbst der Lackauftrag auf einigen Teilen der Fräse zu minimalen Verspannungen und damit zur Arbeitsverweigerung führen kann ... Auch scheint die Elektronik meiner Fräse höchst sensibel auf statische Aufladung zu reagieren. Ich selbst hatte diverse Störungen der USB-Verbindung und im Forum berichten Leute darüber, dass das Fräsen von Acrylglas und die damit verbundene statische Aufladung zum Totalausfall der Maschine führen kann.

Die ersten Begegnungen mit meiner Stepcraft-Fräse waren also alles andere als ein Auspacken-Aufbauen-Anschließen-und-freuen-Erlebnis.
Auf der anderen Seite: Bausatzfräsen gehen bei der Konkurrenz etwa beim doppelten Preis los und ich kann mit dieser vergleichsweise günstigen Maschine komplizierte Bauteile mit einer Präzision fertigen, die ich bis vor einem halben Jahr noch für unmöglich hielt. Der Aufbau und die ersten Inbetriebnahmen der Fräse haben mir manchmal gründlich die Laune versaut. Einige Ergebnisse meiner bisherigen Fräsarbeiten haben den Frust aber auch schon wieder wett gemacht: die haben mir nämlich ein fettes, zufriedenes Grinsen ins Gesicht gezaubert ... :-)

Mein Fazit: vielleicht gibt es irgendwo Rundumsorglos-Fräsen – meine selbst zusammengebaute Stepcraft-Fräse ist sicher keine. Das, was die Fräse zu dem Preis aber zu leisten vermag, finde ich ganz erstaunlich. Sie kann, wenn sie will. Und deshalb mag ich über ihre Zicken hinwegsehen und freue mich insgesamt, die Fräse gekauft zu haben!


Pro

Zur Zeit wohl die Fräse mit dem besten Preis-/Leistungsverhältnis.
Für heutige Verhältnisse geradezu sensationeller Support der Firma Stepcraft! Keine kostenpflichtige Service-Nummer, kein Callcenter mit unqualifizierten Mindestlohn-Empfängern, die einen mit Standard-Antworten abspeisen, kein ewiges Warten in Warteschleifen. Man wird sehr zügig mit einem kompetenten Menschen verbunden. Wo gibt's das sonst noch?
Internet-Forum mit vielen hilfsbereiten Menschen.

Contra

Sensible und gelegentlich zickige Diva!

Hinweis: Dieser Bericht schildert die Erlebnisse und Erfahrungen des Autors mit seinem(!) Bausatz(!) des Modells 600/2 der Firma Stepcraft. Die vorgebrachten Kritikpunkte beziehen sich ausschließlich auf das Modell des Autors und sind keinesfalls als generelle Kritik an den Produkten der Firma Stepcraft zu verstehen! Der Autor stellt ausdrücklich fest, dass die von ihm geschilderten Probleme durchaus auch auf seine mangelnde Erfahrung mit feinmechanischen elektronischen Geräten zurückzuführen sein könnten und dass er mit einer fertig zusammengebauten Fräse, die Stepcraft ebenso anbietet, möglicherweise weniger Probleme gehabt hätte!

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